23.03.2025
Worte aus der Kirche zum 23.03.2025
Fürchte dich nicht
Vom Fenster aus hatte Frau Schmidtke ihn entdeckt: den bunten Rummel auf dem großen Platz. Ein Riesenrad und ein Karussell, viele Stände und Buden. Fast wie in ihrer Kindheit, damals, in der alten Heimat. Im Herbst, wenn die Felder abgeerntet und die Scheunen voll waren, durften sie Spaß haben und sich an Dingen erfreuen, die das Leben bunt machten. Mit dem Karussell fahren und Zuckerwatte essen, das war das Größte für sie gewesen als Kind.
Nun steht Frau Schmidtke am Fenster und spürt, wie Wehmut in ihr aufsteigt. Der große Hof, die Heimat, die Eltern, all das ist lange her. Jetzt gibt es nur noch die Ein-Zimmer-Wohnung und den mürrischen Vermieter im dritten Stock. Im Flur hält sie einen Moment inne, dann aber zieht sie entschieden den Mantel an und setzt den guten Hut auf. Sie greift nach dem Gehstock und verlässt die Wohnung.
Auf dem Rummel preisen Händler ihre Ware an, Musik dringt vom Karussell herüber und es riecht wunderbar nach gebrannten Mandeln. Mehr als eine Stunde verbringt sie hier. Sie beobachtet Kinder auf dem Karussell, kauft aber nichts. Nicht, weil sie nicht wollte. Doch sie sorgt sich, was wohl die Leute denken würden. Und dann muss das Geld auch noch für die kommenden Tage reichen.
Und doch sieht man sie am Abend im Park spazieren und manche wundern sich ein wenig. Vergnügt geht sie da, fein gemacht mit Mantel und Hut - und mit einer großen Zuckerwatte. „Wirklich, Zuckerwatte, für Sie?“, hatte der Verkäufer verwundert gefragt. "Ich bin so frei", hatte sie geantwortet. Und fast sah es so aus, als lächelte sie leise.
Wer etwas will vom Leben, muss lernen loszulassen – äußere Verpflichtungen und innere Anhängigkeiten. Das macht Jesus in der Bibel immer wieder deutlich. Einmal sieht er im Tempel eine Witwe. Trotz ihrer Armut gibt sie die letzten Münzen, die sie hat, in den Opferstock (Markus 12). Jesus preist nicht ihre Armut, aber er lobt ihren Mut, ihr Glück nicht an diese Münzen zu binden. Wer die Leichtigkeit des Lebens finden will, meint er, muss loslassen, was uns bindet: unsere Ängste vor Verarmung, vor Veränderung oder Versagen, vor äußeren Mächten und inneren Stimmen. Das schreibt und liest sich leicht. Aber die eigenen Ängste wirklich loszulassen, ist für die meisten von uns eine Herkules-Aufgabe, oft lebenslang.
Die Witwe im Tempel hat sie bewältigt. Sie hat gelernt, sich nicht abhängig zu machen von besitz, sondern Vertrauen zu wagen auf den guten Grund, der ihr Leben trägt – über alle Sorgen und Nöte hinaus. Und irgendwann an diesem Tag muss auch Frau Schmidtke
gelernt haben, sie loszulassen: die Sorgen um ihr Ansehen und um ihr Auskommen.
Menschen, die diesen Schritt über sich hinaus wagen, sind dem Herzen Gottes nah. Für sie schlug auch das Herz des Jesus von Nazareth. Sicher, solche Schritte aus der eigenen Angst bleiben immer ein Wagnis. Aber es lohnt sich, sie zu gehen. Denn dann kann es geschehen, dass sich der Himmel öffnet. Was uns dann erwartet, nennt sich das Leben. Und das hat einen guten Grund: Gott, der zu Dir spricht: „Fürchte dich nicht.“
Bleiben Sie behütet.